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«Das ist ein permanenter Trans­formations­prozess»

Ein Interview mit Dr. Markus Braun, Vorstandsvorsitzender der Wirecard AG, welche Chancen vernetzter und datengetriebener Commerce Händlern bietet.

Sie sprechen immer wieder darüber, wie Wirecard die Veränderungen im Handel und bei Bezahlvorgängen begleitet und vorantreibt. Wie wird die neue Welt des Einkaufens und Bezahlens aussehen?
Das funktionale Einkaufen wird immer mehr in den virtuellen Bereich abwandern. Gleichzeitig wird der stationäre Handel dem Konsumenten völlig neue Mehrwerte bieten. Aus dem Shop vor Ort kann ein Showroom werden, in dem der Händler bestimmte charismatische Teile eines Produktspektrums oder vielleicht besonders erklärungsbedürftige Produkte und natürlich auch die neuesten Innovationen vorstellt.

Der Händler muss die Produkte gar nicht vorrätig haben. Über die verlängerte Werkbank Internet kann er digital immer die ganze Produktpalette bestellen. Selbst wenn der stationäre Händler sich weiterhin darauf konzentriert, im funktionalen Einkaufen stark vertreten zu sein, kann er aus seinem Shop eine einerseits stark Selfservice-getriebene Einheit machen, indem er sozusagen den Check-out-Prozess umdreht. Damit kann er sehr viel kosteneffizienter und ergonomischer agieren. Der Konsument erwartet einen schnellen Auslieferungsprozess. Und gleichzeitig kann er seine Shops als Logistikzentren nutzen, um in der näheren Umgebung schneller liefern zu können. Gegenüber einem großen Marktplatz hat er dabei einen sehr großen Vorteil. Denn im Vergleich zu einem Retailer müssen Marktplätze erst Logistikzentren aufbauen, wenn sie es tatsächlich schaffen wollen, binnen einer Stunde überallhin ausliefern zu können. Ein Retailer, der bereits überall vertreten ist, kann das viel einfacher abbilden.

Der Shop selbst bekommt also eine völlig neue Bedeutung?
Der Händler sollte seinen Shop mit einem Warenlager ausstatten, von dem aus er sehr schnell liefern kann. Außerdem sollte er die entsprechenden Digitalisierungstechnologien verwenden, die es ermöglichen, jeweils digital verlängert im Shop auch Produkte bestellen zu können beziehungsweise aus digitalen Bestellprozessen auch vor Ort lokal einen Logistikprozess abzudecken.

Diese Vollintegration in alle Bereiche – das ist genau das, was wir unter vernetztem Point of Sale, also Connected POS, verstehen. Der Händler kann sich damit ganz neu aufstellen und entscheiden, was er als Teil seines Produktsortiments online oder stationär anbietet.

Wandelt sich mit einem neuen Verständnis von Shops auch das Bild, das der Händler vom Konsumenten hat?
Der Händler muss dem Konsumenten einen echten Mehrwert bieten, damit er sein Geschäft betritt. Bekommt er ihn nicht, wird er langfristig mehr und mehr online bestellen. Der Konsument möchte ein ganzheitliches Erlebnis. Das bekommt er, wenn Shops zu Erlebniswelten werden, in denen etwas geboten wird, was online nicht möglich ist. Das rein funktionale Einkaufen macht für den Konsumenten nur Sinn, wenn es ihm vor Ort einen Kostenvorteil verschafft oder er sehr viel schneller an die Produkte kommt, die er haben möchte.

Wirecard ist bekannt dafür, Händler dabei zu begleiten, erfolgreich online zu verkaufen. Online und offline kann man inzwischen nicht mehr so einfach trennen. Was macht Wirecard, um auch stationären Händlern die Vorteile des Internets zu bieten?
Der stationäre Händler hat gerade mit den Möglichkeiten, die ihm das Internet bietet, einen größeren strategischen Spielraum. Er kann über alle Kanäle das Kaufverhalten des Konsumenten in Echtzeit erfassen und damit auch bestimmte Produkte anbieten, die in Echtzeit-Reportierungssysteme oder in das Pricing einfließen.

Wir sind heute in der Lage, den Händler minimalinvasiv dabei zu unterstützen, auch den stationären Bereich zu digitalisieren. Ein Beispiel dafür ist der Wirecard Connector, der es möglich macht, Alipay oder alternative Bezahllösungen auch am Point of Sale zu nutzen. Der Wirecard Connector ist aber auch in der Lage, sowohl erste Mehrwerte im Bereich Loyalty und Couponing datengetrieben zu bespielen als auch ePOS voll in den Onlinevertriebskanal zu integrieren. Wichtig dabei ist, dass der Händler das komplette Warenmanagement, die Logistik und auch den ganzen Produktkatalog auf Connected Commerce ausrichtet.

Der Händler ist damit in der Lage, dem Konsumenten echte Mehrwerte zu bieten: Denn der Konsument kauft beispielsweise online und kann die bestellten Produkte schon wenig später im Geschäft abholen. Sollten die gewünschten Produkte gerade nicht im Geschäft vorrätig sein, so kann sie der Händler seinem Kunden sofort über ein Tablet als digitalisierte verlängerte Werkbank bestellen.

Die Vorteile des Connected Commerce über alle Vertriebskanäle hinweg generiert der Händler natürlich erst, wenn er nicht nur das Frontend sieht, sondern auch seine ganzen ERP- und Logistik-Systeme umstellt. Wirecard kann den Händler auf diesem Weg komplett begleiten. Wir können ihm aufzeigen, was er im Payment-Bereich unternehmen und wie er die Daten nutzen kann. Die Logistikprozesse umzustellen, das ist seine Aufgabe. Und das ist häufig leider der Flaschenhals. Es ist für große Händler nicht so leicht, sofort die ganze Infrastruktur auszutauschen und auch noch die Logistik umzustellen. Das sind gewaltige Änderungsprozesse. Deswegen propagieren wir: Wir holen den Händler dort ab, wo er heute steht, und gehen diesen Weg mit ihm Schritt für Schritt, entsprechend seinen Möglichkeiten.

«Wir entwickeln gemeinsam mit dem Händler eine Vision und gehen den Weg dorthin mit ihm Schritt für Schritt. Wir bieten ihm vollintegrierte Lösungen über alle Kanäle hinweg.»

Wie kann Wirecard dem Einzelhandel helfen, diese Veränderungen erfolgreich zu meistern?
Wir entwickeln gemeinsam mit dem Händler eine Vision und gehen den Weg dorthin mit ihm Schritt für Schritt. Wir bieten ihm vollintegrierte Lösungen über alle Kanäle hinweg. Das, was wir unter datengetriebenem Handel verstehen, bauen wir sukzessive on top dieser vollintegrierten Vertriebskanäle auf. Das sind gleichzeitig die großen Herausforderungen und die großen Chancen. Wir bieten dem stationären Handel einen echten Mehrwert, über alle Kanäle hinweg, weil wir von einem Internettag, also einem einzelnen Element, bis hin zu einer vollintegrierten Bezahllösung alles bereitstellen können. Zusätzlich liefern wir ihm Daten, auf deren Basis er völlig neue Services anbieten kann.

Inwiefern sprechen wir dabei über weltweite Trends? Und welche regionalen Unterschiede gibt es oder wird es weiterhin geben?
Das ist ein weltweiter Trend. In den Schwellenländern spielt die Digitalisierung generell eine große Rolle. Anders als in den hoch entwickelten Industrieländern werden dort häufig Entwicklungsschritte übersprungen, weil die Digitalisierung viel später begonnen hat.

Bei aller Begeisterung über Big Data gibt es aber auch Bedenken, was den Schutz von Kunden- und Zahlungsdaten und die Kontrolle über die Informationen betrifft, die der Käufer von sich preisgibt. Wie gehen Sie speziell im Bereich Payment mit den Risiken um?
Überall dort, wo Internettechnologie eingesetzt wird – unabhängig von der Branche – sind entsprechende Schutzmechanismen nötig. Umgekehrt muss man bei Big Data oder datengetriebenem Kommerz auch darauf achten, dass die Schutzrechte des Konsumenten an den Daten, die man legitimerweise sammelt, selbstverständlich einbezogen und geschützt werden.

Als Spezialist haben wir die Kompetenz, dass wir seriös mit den Datenströmen umgehen, allein schon, weil wir uns regulatorisch an alle Anforderungen halten müssen. Wir wissen, welche Daten man verwenden kann, welche nicht, beziehungsweise welche Daten man abstrahiert, also verallgemeinert ohne einen Bezug zu einem konkreten Konsumenten, verwenden kann. Das ist ein Teil der Komplexität, die der Händler uns überlassen kann. Wir kennen uns aus und können das auch technisch so implementieren, dass nicht der einzelne Mitarbeiter entscheiden muss, ob er bestimmte Daten verwenden kann oder nicht. Wir sorgen dafür, dass die Daten algorithmisch hinterlegt werden, nach klaren Regeln, die datenschutzrechtlich entsprechend verarbeitet werden. Alle Lösungen, die wir bereitstellen, gehorchen genau diesen Anforderungen. Um es bildlich auszudrücken: Wir wissen genau, was auf dem Spielfeld erlaubt ist, und nutzen das gesamte Spielfeld.

Aufgrund der Massen an Daten, die uns als Payment-Experte zur Verfügung stehen, können wir Logiken definieren, von denen ein Händler einen großen Vorteil hat. Sehr viele Daten sind vor allem abstrakt und damit statistisch interessant. Die dürfen wir fast alle verwenden. Als unabhängiger Dienstleister besitzen wir mit mehr als 27.000 Kunden und 14 Jahren Erfahrung im Online-Bereich ein ganz anderes Know-how als ein Einzelhändler, selbst wenn es sich um einen sehr großen handelt. Wir haben im Bereich Risikomanagement sehr viel Erfahrung. Wir setzen heute schon Echtzeitdaten ein, um Händler und Konsumenten zu schützen. Vieles, was wir im Bereich datengetriebener Services anbieten, ist nichts anderes als eine Weiterentwicklung dessen, was wir im Bereich Risikomanagement schon seit Jahren für die Abwehr von Betrug machen. Jetzt setzen wir diese Daten auch für den Vertrieb und für die Nutzung von Positiv-Themen ein.

27.000 Kunden, 14 Jahre Erfahrung im Online-Bereich

Blicken wir auf die Zukunft von Wirecard: Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, in den nächsten drei Jahren stärker als der Markt zu wachsen. Welche Stärken hat Wirecard schon heute, die dieses Wachstum unterstützen?
Wirecard ist eines der stärksten Unternehmen im Bereich der Digitalisierung der Zahlungsprozesse. Wir wachsen stärker als der Markt. Unsere Strategie, dass wir sehr früh auf eine Verbreitung der Wertschöpfung gesetzt haben, hat uns diesen großen Erfolg ermöglicht. Wir decken heute das gesamte Ökosystem im Bereich Bezahlen ab – von Issuing über Acquiring und auch darüber hinaus im Bereich Value-Added Services. Mit datengetriebenen Services kann das Bezahlen an Relevanz gewinnen. Der Händler, der sein stationäres Geschäft digitalisieren möchte, kann seinen gesamten Bedarf in diesem Bereich an uns auslagern und so viel schneller auch in der Digitalisierung voranschreiten. Das Thema Bezahlen ist aus Händlersicht normalerweise nicht differenzierend. Wenn das Thema Bezahlen schlecht abläuft, wird es vom Konsumenten negativ rezipiert. Wenn es gut läuft, nimmt es der Konsument als eine Selbstverständlichkeit wahr. Damit ist es ein ideales Outsourcing-Thema. Wir ermöglichen es dem Händler, den Digitalisierungsweg viel schneller zu gehen, weil wir ihm alles aus einer Hand anbieten können: offline, online – und das für alle Länder. Insofern haben wir gute Chancen, von diesem Thema weiterhin deutlich überproportional zu profitieren.

«Der Digitalisierungstrend beginnt erst. Deshalb erwarten wir in den nächsten zehn Jahren ein Wachstum, das das bisherige in den Schatten stellen wird.»

Wo werden möglicherweise in drei Jahren die Chancen und Herausforderungen liegen?
All diese Themen sind Trends für die nächsten zehn Jahre: Die Conversion vom Point of Sale zum ePOS, der Self-Check-out im Bereich des POS, die Vollintegration der Vertriebskanäle und der Logistikprozesse entlang eines Internettags. Das sind Themen, die nicht nur während der nächsten drei Jahre wichtig sind. Dieser Transformationsprozess wird bis tief in die 2020er-Jahre hineinreichen. Erst dann wird man von einem gewissen Sättigungsgrad sprechen können und einen Zustand erreicht haben, vergleichbar der heutigen ERP-Systeme. Man braucht sich doch nur anzuschauen, wie hoch der Anteil von Cash-Transaktionen noch ist. Nur 15 Prozent aller weltweiten Transaktionen sind elektronisch. Der Digitalisierungstrend beginnt erst. Deshalb erwarten wir in den nächsten zehn Jahren ein Wachstum, das das bisherige in den Schatten stellen wird.  Hochgerechnet auf die Weltwirtschaft kann man sich vorstellen, welch ein gewaltiges Wachstum das sein wird bei gleichzeitig jährlich wachsender Weltwirtschaft von zwei, drei Prozent. Das bedeutet, dass sich der Gesamtmarkt für elektronisches Bezahlen in den nächsten Jahren verdreifachen kann.